Stefan Siegwart Gründer, Vantage:Brain GmbH
April 2026 Perspektiven

Der tote Elch auf dem Tisch.

Die Schweden haben einen Ausdruck für eine bestimmte Art von Sitzung. Den toten Elch auf dem Tisch. Mitten zwischen Unterlagen und Kaffeetassen liegt ein Tier, groß und schwer und unübersehbar. Jeder im Raum sieht ihn. Keiner sagt ein Wort.

Naja, jeder hofft eher, dass er bis zum nächsten Termin von selbst verschwindet.

So läuft es in den meisten Unternehmen, die uns rufen. Die Geschäftsführung weiß, dass etwas nicht stimmt. Das mittlere Management weiß es auch. Auf den Fluren wird darüber geredet, beim Mittagessen, auf dem Parkplatz. Nur in der Runde, in der die Entscheidung fallen müsste, bleibt es still.

Warum keiner ihn anspricht.

Es ist nicht so, dass die Leute den Elch nicht sehen. Sie sehen ihn genau. Sie wissen sogar ungefähr, wie lange er schon da liegt. Was sie zurückhält, ist etwas anderes, und es hat mit Dummheit nichts zu tun.

Wer ihn ausspricht, hat ihn auf den Tisch gelegt. So fühlt es sich zumindest an. Er stellt damit die Arbeit eines Kollegen infrage, manchmal die eigene. Oder eine Entscheidung, die vor ein paar Jahren von ganz oben kam und seither niemand mehr berührt hat. Das hat einen Preis. Es kostet den eigenen Stand in der Runde, manchmal die Beziehung zu jemandem, mit dem man am Montag wieder im Aufzug steht. Im Zweifel die nächste Beförderung. Also wartet man, ob es nicht jemand anderes tut.

Der Elch verschwindet nicht dadurch, dass keiner ihn ausspricht. Er wird größer.

Das ist kein Kommunikationsproblem.

An dieser Stelle glauben viele, sie hätten ein Problem mit der Offenheit im Haus. Also wird an der Kultur gearbeitet. Es werden Formate eingeführt, in denen alle alles sagen dürfen. Die Hierarchie wird flacher gemacht, jedenfalls auf dem Papier. Das ist gut gemeint und ändert wenig, weil es am eigentlichen Punkt vorbeigeht.

Das Problem ist nicht, dass die Leute nicht reden dürfen. Sie wollen nur nicht die Person sein, die anfängt. Sie kennen das vermutlich aus Ihren eigenen Sitzungen. Alle nicken. Und das eigentliche Gespräch beginnt danach auf dem Flur, in kleiner Runde, mit gesenkter Stimme.

Solange das so ist, hilft kein weiteres Format. Es fehlt nicht der Raum zum Reden. Es fehlt jemand, für den das Reden keine Folgen hat.

Warum jemand von außen den Unterschied macht.

Hier kommt eine Rolle ins Spiel, die oft missverstanden wird. Es geht nicht darum, dass jemand klüger ist oder das Unternehmen besser kennt. Ehrlich gesagt sieht jemand, der neu dazukommt, den Elch meistens später als alle anderen, weil er die Geschichte nicht kennt, die hinter allem steht. Was er hat, ist etwas, das sonst niemand im Raum hat. Nichts zu verlieren.

Keine Hierarchie, in der er sitzt. Keine Beförderung, die davon abhängt, wessen Projekt er gerade berührt. Damals war er nicht dabei, als die Entscheidung fiel, die heute keiner mehr anfassen will. Also kann er die Frage stellen, die alle im Kopf haben und keiner ausspricht. Die scheinbar naive Frage. Die, bei der drei Leute am Tisch kurz die Luft anhalten und denken, endlich fragt das mal jemand.

Manchmal werden wir gefragt, ob das nicht auch ein guter Mitarbeiter leisten könnte. Einer mit Rückgrat, der einfach den Mund aufmacht. Kann er. Einmal, vielleicht zweimal. Dann hat er sich verbraucht. Er steht am Montag wieder mit denselben Leuten im Aufzug und muss die nächsten Jahre mit ihnen auskommen. Der Wert von jemandem, der von außen kommt, liegt nicht in seinem Mut. Er liegt darin, dass er am Montag wieder weg ist.

Was passiert, wenn der Elch einen Namen bekommt.

Was dann kommt, ist selten spektakulär. Der Elch bekommt einen Namen, mehr nicht. Aber damit ist er kein Gespenst mehr, über das man auf dem Parkplatz flüstert. Er wird zu etwas, worüber man entscheiden kann. Und entscheiden, das können Unternehmen. Sie können es nur schlecht bei Dingen, die offiziell gar nicht existieren.

Manche rechnen an dieser Stelle nach, was so ein Blick von außen kostet. Verständlich. Die ehrlichere Rechnung steht woanders. Ein Elch, der zwei Jahre auf dem Tisch liegt, taucht in keiner Bilanz auf. Er taucht woanders auf. In den Projekten, die zu spät kamen, und in den Leuten, die irgendwann gegangen sind. Und in der Entscheidung, die man so lange vor sich herschob, bis der Markt sie einem abnahm.

Irgendwann gewöhnen sich alle an den Geruch. Und das ist der gefährlichste Punkt. Nicht der tote Elch selbst. Dass keiner ihn mehr riecht.

Wer das Gefühl kennt, dass im eigenen Haus etwas auf dem Tisch liegt, das keiner anspricht, und bereit ist für eine ehrliche Außenperspektive, kann mit einem Diagnose-Mandat anfangen. Vier Wochen. Wir benennen, was wir sehen.